Was verbirgt sich hinter advSM?

Die fortgeschrittene systemische Mastozytose (kurz: advSM für den englischen Namen der Krankheit advanced systemic mastocytosis) ist eine seltene, bösartige Erkrankung des Knochenmarks, die dazu führt, dass sich im Körper der Patienten zu viele Mastzellen befinden.

Insgesamt umfasst der Begriff advSM drei Erkrankungen: die aggressive systemische Mastozytose (ASM), die systemische Mastozytose mit einer begleitenden Blutbildungserkrankung (SM-AHN) und die Mastzellleukämie (MCL).1

Bei der advSM kommt es zu einer unkontrollierten Vermehrung von abnormen Mastzellen. Diese können sich in Folge dessen in verschiedenen Organen anreichern und so deren Funktion beeinträchtigen.1

Eine massive Vermehrung und Ansammlung von Mastzellen ist die Ursache der Mastozytosen

Patienten mit advSM können deshalb an den unterschiedlichsten Symptomen leiden – je nachdem, welche Organe befallen sind. Vorkommen können u.a. Beschwerden im Magen-Darm-Trakt verbunden mit Gewichtsverlust, reduzierte Blutzellwerte (z. B. Mangel an roten Blutkörperchen), eine Vergrößerung der inneren Organe (z.B. Leber oder Milz) und Osteoporose (= Knochenschwund).2

Zudem ist eine Mastzelle in der Lage, bestimmte Stoffe (die sogenannten Mediatoren) freizusetzen, die selber auch unterschiedliche Beschwerden hervorrufen können. Dazu gehören z. B. Hautrötungen und Juckreiz.2

Ein Bild sagt mehr als 1.000 Worte

Die advSM ist eine komplexe Erkrankung. Wir haben für Sie mit Doktor Panse vom Uniklinikum Aachen ein Video erstellt, in dem er kurz und verständlich die einzelnen Formen der fortgeschrittenen systemischen Mastozytose erklärt:

 

Jeder Mensch besitzt Mastzellen – sie spielen in unserem Körper eine wichtige Rolle bei der Immunabwehr und setzen chemische Stoffe frei, die das Immunsystem aktivieren.

Mastzellen werden zusammen mit anderen Blutzellen im Knochenmark gebildet. Diesen Vorgang nennt man Hämatopoese.

Mastzellen gehören zu den Leukozyten (weiße Blutkörperchen) und werden nach ihrem Entstehen im Knochenmark als unreife Vorläuferzellen ins Blut ausgeschwemmt. Sie wandern dann zu ihren Zielorten, wo sie zu voller Funktionsfähigkeit heranreifen. Da Mastzellen eine wichtige Rolle bei der Immunabwehr spielen, sind sie vor allem im Gewebe angesiedelt, wo sie direkter Kontakt mit der potenziell gefährlichen Außenwelt besteht. Hierzu gehören über den ganzen Körper verteilt Bindegewebe, Schleimhäute, sowie Blutgefäße und Nerven. Um ihre Abwehrfunktion ausüben zu können, sind Mastzellen mit einer Reihe chemischer Botenstoffe, den Mediatoren, ausgestattet, die im Rahmen der Immunabwehr freigesetzt werden können. Zu den Mediatoren gehören beispielsweise Heparin, Histamin und Tryptase.

Besondere Bedeutung hat die Mastzelle bei einer allergischen Reaktion: Kommt ein Allergen in Kontakt mit der Mastzelle, so schüttet diese ihr Histamin aus. Das umliegende Gewebe reagiert augenblicklich auf das freigesetzte Histamin – Gefäße erweitern sich und Flüssigkeit lagert sich ein. Aus diesem Grund entstehen dann die bei manchen allergischen Reaktionen typischen Quaddeln.

Typisch für Mastozytosen ist die Entstehung solcher Quaddeln nach mechanischer Reizung (z. B. durch Reiben) der für die Erkrankung charakteristischen braun-roten Hautläsionen. Dieses Phänomen spielt auch bei der Diagnostik eine Rolle und nennt sich Darier-Zeichen.

Rötung und Quaddeln sind typisch für allergische Reaktionen und entstehen durch das aus der Mastzelle ausgeschüttete Histamin

Bei der systemischen Mastozytose (SM) handelt es sich genau genommen nicht um eine einzelne Erkrankung. Der Begriff fasst eine Gruppe von Krankheiten zusammen, denen alle eine Vermehrung und Anreicherung abnormer Mastzellen zugrunde liegt. Dabei zeigen die verschiedenen Erkrankungsformen alle unterschiedliche Ausprägungen hinsichtlich der Schwere des Krankheitsverlaufes und der Prognose:3

  • Indolente systemische Mastozytose (kurz: ISM)
  • Systemische Mastozytose mit begleitender Blutbildungserkrankung (SM-AHN)
  • Aggressive systemische Mastozytose (ASM)
  • Mastzellleukämie (MCL)

Außerdem gehört zu den systemischen Mastozytosen auch die sehr seltene Varianten des Mastzellsarkoms und des extrakutanen Mastozytoms.

Die SM-AHN, die ASM sowie die MCL wiederum werden aufgrund ihres prognostisch ungünstigen Krankheitsverlaufs unter den Begriff der fortgeschrittenen systemischen Mastozytosen (advSM) zusammengefasst.

Tabelle 1 gibt einen Überblick über die unterschiedlichen advSM-Formen und wie sie sich voneinander abgrenzen:

Die systemische Mastozytose kann im Prinzip alle Ausprägungen aufweisen: von komplett indolent, sprich die Patienten haben eine normale Lebenserwartung, bis hin zum Befall vieler Organe bei fortgeschrittenen Formen; diese Patienten haben dann in der Regel eine schlechtere Prognose. 

Es ist für Ärzte immer schwierig eine Vorhersage über den Krankheitsverlauf zu treffen. Eine vollständige Heilung der systemischen Mastozytose ist allerdings bis heute nicht möglich, trotzdem gibt es Therapieoptionen. Insgesamt hängt die Lebenserwartung dieser Erkrankungen von mehreren Faktoren ab: Sind viele Organe mit Mastzellen befallen? Liegt eine begleitende Bluterkrankung vor? Gibt es Osteolysen (Knochendefekt durch krankhaften Knochenabbau) oder Knochenbrüche? Dies sind nur einige Punkte, die die Prognose auf negative Weise beeinflussen können.

  1. Horny HP et al, IARC Press; 2008: 53–63.
  2. Valent P et al, Blood 2010; 116: 5812–7.
  3. Metcalfe DD et al, J Invest Dermatol, 96 (1991): 2–4.
  4. Arock M et al, European Journal of Haematology. 2015; 94 (6): 474–90.
  5. Gotlib J et al, Blood. 2013; 2393–94.
  6. Georgin-Lavialle S et al, Blood. 2013; 121 (8): 1285–95.
  7. Valent P et al, Annals of Oncology. 2014; 25 (9): 1691–700.
  8. Lim KH et al, Blood. 2009; 113: 5727–36.
  9. Magliacane D et al, Transl Med UniSa 2017, 8:56-74